Interview mit Regine Petersen
20.November 2006
Regine Petersen ist 1976 in Hamburg geboren. Sie studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seit ihrem Diplom 2006 arbeitet sie als freiberufliche Fotografin mit Veröffentlichungen u.a. in brand eins, Die Zeit, konkret, Neon. 2006 ist sie für die World Press Masterclass nominiert worden und wurde mit ihrer Arbeit Das Haar bei "gute aussichten - junge deutsche fotografie 06/07" ausgezeichnet.
An welchem Projekt arbeitest Du gerade?
Ich fotografiere nach wie vor alles, was mir auffällt, im Moment noch ohne ein bestimmtes Ergebnis vor Augen zu haben. Einen großen Teil nehmen dabei allerdings Portraits ein.
Welches Thema beschäftigt Dich in Deiner Arbeit?
Da ich assoziativ arbeite, geht es eher um eine Themenfluktuation. Während ich nach Motiven suche komme ich in so eine meditative Stimmung und finde dann Bilder, die etwas von dem widerspiegeln, worüber ich mir Gedanken mache, oder die mich in eine andere Richtung denken lassen. Ich lande dabei dann meistens bei ganz existenziellen, metaphysischen und psychologischen Inhalten.
Als übergeordnetes Thema geht es mir also um die Frage, wie sich das mit der freien Assoziation in der Fotografie verhält, ob man mit dieser Technik, die ja aus der Psychoanalyse stammt, auch in der Fotografie Unbewusstes zum Vorschein bringen kann, indem man sich ohne Vorgabe eines Ziels treiben lässt. Ich suche dabei nach ähnlichen Dingen, die etwas zum Vorschein bringen, was ins Unbewusste verweist, nach einer Art Knick. Dabei geht es mir nicht um eine Lösung oder um ein vollständiges Bewusstwerden, eher um eine Stimmung des Unausgesprochenen, Verborgenen. Dass da etwas ist, was man nicht wirklich erfassen kann.
Was fasziniert Dich am Medium Fotografie am meisten?
Das Paradox von Vergangenheit und Gegenwart. Das Betrachten von einem eingefrorenen, stillen Moment, der in der Realität nicht mehr existiert.
Was macht für Dich eine gute Fotografie aus?
Wenn ich sie mir länger anschaue, weil sie mich aus irgendeinem Grund festhält. Wenn da etwas Irritierendes, Rätselhaftes, Ambivalentes ist. Also etwas, was mich nachdenklich macht.
Welche Grenzen siehst Du in der Fotografie?
Objektiv zu sein.
Warum bist Du Fotografin geworden?
Das empfinde ich im Nachhinein als schwer zu beurteilen. Vielleicht weil ich einen gewissen Hang zur Melancholie habe und der Vergangenheit viel Beachtung schenke. Weil mich generell Zeit fasziniert. Weil es ein tolles Gefühl ist, in einem besonderen Moment auf den Auslöser zu drücken.
Gibt es einen Fotografen, der Dich besonders geprägt hat? Wie?
Wenn ich einen Lieblingsfotografen bestimmen müsste, wäre es Martin Parr. Aber fotografisch habe ich nicht so viel mit ihm gemeinsam.
Es gibt aber sicherlich eine Vielzahl von Fotografen, die mich geprägt haben, ohne dass es mir jetzt so bewusst wäre. Ich habe früher mal eine Zeit lang versucht so wie Eggleston zu fotografieren, was natürlich nicht geklappt hat. Aber in meiner Entwicklung beeinflusst hat er mich dadurch bestimmt.
Was sagen Kritiker über Deine Bilder?
Das Schöne ist, dass jeder, der sich auf meine Bilder einlässt, ganz eigene Assoziationen hat. Ich finde das sehr bereichernd und es bringt mir selbst oft neue Aspekte näher. Der Sinn meiner Arbeit liegt ja auch gerade darin, dem Betrachter Raum für eigene Gedanken und Gefühle zu geben.
Ein Freund sagte einmal, ich würde Dinge fotografieren, die ich lieben und an denen ich gleichzeitig verzweifeln würde. Darüber hatte ich so noch nicht nachgedacht, aber es deckt sich bis zu einem gewissen Grad mit dem, was ich sonst immer als Spannungsfeld von Nähe und Distanz bezeichnet habe. Dass ich da eine Vertrautheit herstellen will zu etwas, das sich meiner Berührung entzieht. Das gleichzeitige Vorhandensein von Intimität und einer unüberwindbaren Kluft. Was bleibt ist ein unbefriedigendes Gefühl.
Negative Kritik? Es gibt Leute, die ein Problem mit der Offenheit der Bilder haben. Sie wollen mehr konkrete Hintergrundinformationen über die einzelnen Motive, oder sagen, ich würde thematisch zu viele Fässer gleichzeitig öffnen.
Mit welcher Kamera fotografierst Du am häufigsten und warum?
Zur Zeit mit meiner neuen Mamiya 7. Was mir gefällt, ist das geerdete Format und die Schärfe bei gleichzeitigem geringen Gewicht der Kamera. Dadurch ist sie für mich ideal zum Reisen. Generell arbeite ich mit verschiedenen Mittelformaten. Kleinbild ist für meine Fotografie zu dynamisch und Großbildequipment eignet sich nicht für spontane Fotografie. Außerdem ist es mir zuviel Geschleppe.
Was hältst Du von digitaler Bildmanipulation?
Da es mir um Momentaufnahmen geht, kommt digitale Manipulation für mich persönlich nicht in Frage. In anderen Zusammenhängen sehe ich das anders. Wichtig finde ich dabei nur, dass es inhaltlich Sinn macht.
Wie siehst Du die momentane Entwicklung der Fotografie?
Darüber können andere besser fachsimpeln als ich.
Weitere Infos unter http://www.reginepetersen.de
„gute aussichten – junge deutsche fotografie 2006/07“
Ausstellende Fotografen: Marc Baruth, Simon Hempel, Sonja Irouschek, Vanessa Jack, Irina Jansen, Regine Petersen, Arno Schidlowski, Roman Schramm, Nicolas Wollnik
KÖLN
noch bis So, 14.1.2007, Forum für Fotografie, Schönhauser Strasse 8 www.forum-fotografie.info, Öffnungszeiten: Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa 12-18 Uhr, So 12-16 Uhr.
HAMBURG
Fr, 19.1.2007 - So, 18.2.2007, aus der Photographie/ Deichtorhallen, Deichtorstrasse 1-2, www.deichtorhallen.de, Öffnungszeiten: Mo geschlossen, Di-So 11–18 Uhr. Aktionen zur Eröffnung und während der Ausstellungszeit durch Ingo Taubhorn, u.a. Werkstatt-Gespräche usw.
STUTTGART
Do, 15.3.2007 - So, 29.4.2007, vhs photogalerie, Rotebühlplatz 28, www.vhs-photogalerie.de, Öffnungszeiten: Mo-Sa 8-23 Uhr, So 9-18 Uhr.
BERLIN
Mitte Mai - Juli 2007, Museum für Fotografie, Jebensstrasse 2, www.smb.museum/mf, Öffnungszeiten: Mo geschlossen, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr. Aktionen während der Ausstellung durch Ludger Derenthal.
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