Dimitri Soulas - augenblicke

20.Juli 2008

Fotografien 1967-1974
30. April bis 3. August 2008
Münchner Stadtmuseum - Sammlung Fotografie
 

 Dimitri Soulas (*1938 in Thessaloniki) begann in den 60er Jahren als Bildjournalist zu arbeiten. Den Keim für seine berufliche Weichenstellung legte 1959 der Besuch der von Edward Steichen kuratierten Ausstellung The ”Family of Man“, die ihn sehr beeindruckte. Entscheidende Anregungen für seinen Weg als Fotograf kamen vor allem aber aus seiner Studienzeit. Insbesondere die systemkritischen philosophischen Erkenntnisse, mit denen er sich im Rahmen der Vorlesungen von Adorno, Horckheimer und Marcuse in Frankfurt beschäftigte, prägten nachhaltig seine Einstellung zum Bildjournalismus. Fotografieren sollte nach seiner Überzeugung die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Realität in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit zur Anschauung bringen. Soulas’ Credo lautete, den Menschen authentisch, in ungestellten Posen, in bewegten und „entscheidenden“ Augenblicken festzuhalten.

Die ersten beruflichen Kontakte verdankte Soulas der Bildagentur Associated Press (AP), für die der Autodidakt prominente Persönlichkeiten und lokale Ereignisse in München fotografierte. Seine ersten Veröffentlichungen zeigen die Folgen einer Gasexplosion die sich von den üblichen Pressebildern durch ihren unkonventionellen Stil unterscheiden.

Über AP wurde die Münchner Tageszeitung tz auf Soulas aufmerksam für die er in den kommenden Jahren als freiberuflicher Pressefotograf tätig wurde. Die Redaktion der Boulevard-Zeitung legte besonderen Wert auf fotografisch interessante und auffällige Bebilderung ihrer Berichte. Neben den Aufmachermotiven, ausdrucksstarken Einzelbildern, wurden wie in den Illustrierten auch eigene Bildgeschichten mit kurzen Legenden abgedruckt.

Soulas’ Prominentenporträts und Gesellschaftsreportagen strahlen jedoch nichts Skandalös-Indiskretes oder gar Aggressives aus. Meist entstanden diese Aufnahmen im Einvernehmen mit den Dargestellten. Neben der tz gehörten auch der Stern, Neue Revue oder Quick zu seinen regelmäßigen Kunden.

 Obwohl Soulas durch das Fotografieren direkter geworden war, hat er bestimmte Grenzen nie überschritten. Er registriert vielmehr die Reaktionen und das Verhalten von Passanten bei zufälligen Begegnungen. Wird er Augenzeuge von Ausnahmesituationen, so wird seine Sympathie für die „kleinen Leute“ augenfällig, wie beispielsweise in der Serie des betrunkenen Obdachlosen vor einer Münchner Trinkhalle. Es fesseln nicht nur die Aufnahmen bedeutender Ereignisse wie die Olympischen Spiele 1972 sondern im Besonderen seine präzisen Beobachtungen des menschlichen Verhaltens auf der Straße. Viele seiner Aufnahmen sprechen unsere Gefühle an, lassen uns unmittelbar in die Zeit eintauchen.

Angezogen fühlte sich der Fotograf weniger von normalen bürgerlichen Existenzen, ihn reizten vielmehr soziale Gegensätze von Armut und Reichtum. Diese sozialen Antipoden definieren das Bild einer Münchner Gesellschaft, wie Soulas sie gesehen und als Nicht-Münchner erlebt hat. Blitzschnell erkannt und mit der Kamera eingefangen sind die Stereotypen der Münchner Folklore, vom Fotografen als Dokumente eines exotischen Alltags wiedergegeben. Am überzeugendsten sind seine Bilder von Situationen, bei denen Soulas sich das Staunen über bestimmte Bräuche und Rituale bewahrt hat.

Man mag die Aufnahmen von Dimitri Soulas insgesamt als kulturkritischen Kommentar an einer konsumorientierten Gesellschaft begreifen, in der die Tendenzen zur Vereinzelung und Vereinsamung des Individuums angelegt sind. Sein mitfühlender Blick ist von Sympathie für die „Opfer“ getragen, er verliert das Menschliche nie aus den Augen. Über ihren historischen Zeugnischarakter hinaus spiegeln seine Aufnahmen auch die Persönlichkeit des Fotografen wider, seine geistige Beweglichkeit und seinen augenzwinkernden Humor. Mit Neugier und Witz war er stets auch auf der Suche nach einem eigenen Standpunkt innerhalb seiner Münchner Wahlheimat.

Für Dimitri Soulas war die Tätigkeit als unabhängiger Pressefotograf eine intensive Lebensphase. Er hat diesen Beruf geliebt und mit Hingabe und Leidenschaft ausgeübt. Trotzdem beendete er 1974 mit dem Ende der Diktatur in Griechenland seine Tätigkeit als Fotoreporter und kehrte nach Thessaloniki zurück. Er hörte zu einem Zeitpunkt mit dem Fotografieren auf, als die bundesdeutsche Medienlandschaft sich grundlegend wandeln sollte. Die Illustrierten standen am Anfang einer tiefen Krise, spätestens seit den 80er Jahren sollte das private Fernsehen die Aufgaben von Illustrierten und Tageszeitungen als Schaufenster zur Welt immer mehr übernehmen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog der an der Museumskasse für EUR 29,90 in der Paperback-Ausgabe (EUR 39,90 Hardcover) erhältlich ist.

Münchner Stadtmuseum - Sammlung Fotografie
http://www.stadtmuseum-online.de/

 

 

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